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Themen der Zeitgeschichte
Fritjof Meyer
Die Zahl der Opfer von Auschwitz
Fritjof Meyer (1932), Dipl. DHP, Dipl.-Politologe, Dipl.-
Kameralist, Leitender Redakteur, Der Spiegel, Hamburg
Neue Erkenntnisse durch neue Archivfunde
Vier Millionen Opfer im nationalsozialistischen Arbeits- und Vernichtungslager
Auschwitz-Birkenau zählte 1945 die sowjetische Untersuchungskommission, ein
Produkt der Kriegspropaganda. Lagerkommandant Höß nannte unter Druck drei
Millionen und widerrief. Wieviele Menschen wirklich diesem singulären Massenmord
zum Opfer fielen, ließ sich bislang nur schätzen. Der erste Holocaust-Historiker
Gerald Reitlinger vermutete eine Million, der letzte Forschungsstand bezifferte mehrere
Hunderttausend weniger. Zwei neue Belege zur Kapazität der Krematorien
bestätigen jetzt die vorhandenen Unterlagen über Einlieferungen ins Lager. Damit
rückt die Dimension des Zivilisationsbruchs endlich in den Bereich des Vorstellbaren
und wird so erst zum überzeugenden Menetekel für die Nachgeborenen.
Ein Schlüsseldokument, das Auskunft gibt über die Kapazität der Krematorien von
Auschwitz-Birkenau, ist jetzt aufgefunden worden. Zu deren Nutzungsdauer ist zugleich
eine Aussage des Lagerkommandanten Höß ans Licht gekommen. In
Verbindung mit den vorhandenen, aber weithin unbeachtet gebliebenen Unterlagen
über die in dieses Lager Eingelieferten läßt sich nun genauer errechnen, wieviel
Menschen in Auschwitz ermordet wurden. Um es vorweg zu nehmen: Eine halbe
Million fiel dem Genozid zum Opfer.
Zu danken ist dieser Durchbruch Robert-Jan van Pelt, Professor für Architektur an
der Universität von Waterloo in Kanada. Er ist hervorgetreten durch sein
gemeinsam mit Debörah Dwork verfaßtes, herausragendes Buch Auschwitz - Von
1270 bis heute".1 Im Londoner Prozeß David Irvings gegen Deborah Lipstadt, die
ihn als AuschwitzLeugner eingestuft hatte, trat van Pelt als Gutachter für die
Beklagte auf. Über die Vorbereitung seiner Expertise - mit Auszügen aus dem
Gutachten - und die Verhandlung hat van Pelt soeben ein sehr wichtiges Buch
herausgebracht.2
Irving verlorden Prozeß, und zwar verdient, da der als erfolgreicher Rechercheur ausgewiesene Autor
Irving, der sich zunehmend den wirren Ansichten seiner NS-Gesprächspartner angeschlossen
hat, auch vor Gericht auf dem unsinnigen Standpunkt beharrte, es habe in Auschwitz-
Birkenau keine Gaskammern zur Menschentötung gegeben. Die von ihm vorgetragenen
Argumente für die Untauglichkeit der Leichenkeller I der Krematorien 1 und 11 konnten
nicht überzeugen. Richter Charles Gray befand, no objective, fair-minded historian would
have serious cause to doubt that they were operated an a substantial scale to kill hundreds of
thousands of Jews".
Das war generell ein gerechtes Urteil. Hier kann nicht vertieft werden, daß die vorhandenen
Belege, nämlich Dokumente über eine Nachrüstung der ursprünglich dafür nicht errichteten
Bauten (zum Beispiel mit Einwurfschächten und Gasprüfgeräten) zum Vergasungskeller"
sowie die einschlägigen Zeugenaussagen eher auf Versuche im März/April 1943 deuten, die
Leichenkeller nach Fertigstellung der Krematorien im Frühsommer 1943 für den
Massenmord einzusetzen. Das mißlang offenbar, weil die Ventilation kontraproduktiv war3
und die erwarteten Massen an Opfern in den folgenden elf Monaten nicht eintrafen .4 Der
tatsächlich begangene Genozid fand wahrscheinlich überwiegend in den beiden umgebauten
Bauernhäusern außerhalb des Lagers statt; von dem ersten, dem Weißen Haus" oder
Bunker 1", wurden erst jüngst die Fundamente entdeckt.5
In die zwei Räume dieser Gaskammer mit einer Fläche von zusammen 90 Quadratmetern
ließen sich über 400 Menschen treiben, was vom Frühjahr 1942 an ein Jahr lang täglich
geschah, zumeist abends.6 Das Rote Haus" oder Bunker 11", 105 Quadratmeter groß für
maximal über 500 Opfer, 7 war wahrscheinlich vom Dezember 1942 bis zur Einstellung der
Gasmorde am 2. November 1944 in Betrieb. Der Schutz' haftlagerführer SS-Sturmbannführer
Hans Aumeier hat am 29.10.1945 ausgesagt: 8" Im November 1942 wurden 50-80 Gefangene
in der Leichenkammer des Krematoriums im Stammlager streng geheim mit Gas getötet.
Am nächsten Tag eröffnete Höß unter äußerster Geheimhaltung ihm, dem Lager-Gestapo-Chef
Grabner, dem Lagerführer Hößler, dem Arbeitseinsatzführer Schwarz und dem Lagerarzt, er
habe über das RSHA einen Befehl Himmlers empfangen, alle schwachen, kranken oder arbeitsunfähigen
jüdischen Gefangenen zu vergasen", um einer weiteren Ausbreitung der Epidemien
vorzubeugen.
Höß habe berichtet, daß er in der vorigen Nacht die ersten Vernichtungen
vollzogen und sich dabei herausgestellt habe, daß die improvisierte Gaskammer überhaupt
nicht den Notwendigkeiten entspreche. Deshalb seien bei der Errichtung der neuen
Krematorien in Birkenau Gaskammern als ständiges Zubehör zu bauen. Das Ganze sei eine
Geheime Reichssache, Indiskretionen oder sorgloses Geschwätz würden mit dem Tode
bestraft, was die Anwesenden wie auch weiter hinzugezogene Mittäter schriftlich
bestätigen mußten.
Von der Kapazität her konnten allein im Roten Haus" oder Bunker II" binnen zwei
Jahren 350 000 Menschen ermordet werden. Irving freilich - und dementsprechend van
Pelt - setzten sich nur mit den Krematoriumskellern auseinander, obwohl gerade mit deren
Inbetriebnahme die Mordrate in Auschwitz dramatisch sank, für die Dauer eines Jahres,
und zwar aufgrund eines Himmler-Befehls, der die vorgebliche Euthanasie-Aktion 14 f
13" und damit auch die Gasmorde in den Vernichtungslagern an der deutsch-sowjetischen
Demarkationslinie von 1939, Belzec, Sobibôr, Treblinka, einstellte.9
Beim Termin in London am 25. Januar 2000 begrüßte der Kläger den Sachverständigen
mit einem Kompliment zu seinem Buch über die Geschichte von Auschwitz: It is one of
the few books that I have read from cover to cover and it was a book that I found very
difficult to put down." Dann verbissen sich die beiden in die Frage, ob die im Zuge der
Umrüstung des Leichenkellers nachträglich in dessen Decke geschlagenen Offnungen zum
Einwurf von Zyklon-B heute noch sichtbar seien oder nicht (sie sind es, was van Pelt noch
nicht wußte).
Der zweite entscheidende Streitpunkt war die Frage, ob es sich bei einem Schlüsseldokument
um eine Fälschung handele: dem Schreiben des Auschwitzer SSBauleiters
Bischoff vom 28. Juni 1943 an das Wirtschafts- und
Verwaltungshauptamt (WVHA) in Berlin, in dem er die Fertigstellung aller vier
Krematorien in Birkenau meldete, der beiden großen 1 und II mit je 15 Muffeln
(Brennkammern für eine Leiche) wie auch der beiden kleineren, nur oberirdischen 111
und IV in Birkenau mit je 8 Muffeln.10
In diesem Brief konstatiert Bischoff eilfertig eine durch die Praxis noch
gar nicht belegbare Verbrennungsleistung der Krematorien I und II von jeweils
1440 Personen und der III und IV von je 768 Körpern bei 24stündiger Arbeitszeit,
insgesamt täglich (einschließlich des alten Krematoriums im Stammlager
Auschwitz, das aber seinen Betrieb schon eingestellt hatte) 4756 Leichen. Mit
seinen Argumenten vermochte Irving keinesfalls die in diesem Fall durchaus
zulässigen Zweifel an der Echtheit des Dokuments zu belegen; van Pelts
Widerspruch war gravierender, obwohl auch nicht unbedingt überzeugend: Der
französische Sachkenner Jean-Claude Pressac hatte das Schreiben schon sieben
Jahre zuvor eine interne Propagandalüge" der SS genannt.11
In seinem Prozeßbericht hat van Pelt jetzt zwei Informationen von nichts weniger
als sensationellem Charakter beigebracht: In Verbindung mit bereits vorliegendem,
aber kaum beachtetem Material gestatten diese beiden Quellen recht genau die
Gesamtzahl der Opfer von Auschwitz zu berechnen. Van Pelt hat diese Belege in
seinem 570Seiten-Werk beinahe versteckt und kaum interpretiert, auch nicht in den
Prozeß eingebracht. Sie laufen seiner Expertise zuwider, ohne Irving etwa zu
bestätigen. Van Pelt zitiert zunächst ein in der Literatur meines Wissens bisher
nicht nachgewiesenes Dokument, welches das Bischoff-Schreiben vom 28. Juni
1943 in Frage stellt, indem es Bischoffs Zahlen halbiert.12
Demnach wurde im Archiv der Krematoriumsfirma Topf & Söhne (jetzt: Erfurter
Malzerei und Speicherbau), Ordner 241, ein Brief des zum Bau in Auschwitz
eingesetzten Oberingenieurs Kurt Prüfer aufgefunden, der mit dem B. September
1942 datiert ist, also neun Wochen nach Bischoffs Schreiben und nach
Fertigstellung der Krematorien, mithin aufgrund der ersten Betriebsergebnisse.
Laut Prüfer verbrannte jedes der beiden Krematorien 1 und 11 täglich 800, jedes
der beiden kleineren 111 und IV 400 Körper, insgesamt 2400.
Die Verbrennungszeit betrug anderthalb Stunden13 in einer Muffel, die für die würdige
Einäscherung einer Leiche zwecks Gewinnung ausschließlich ihrer Asche
konzipiert war. Bei einem hypothetischen 24-Stunden-Betrieb hätten sich 16 je
Muffel verbrennen lassen, in den 15 Muffeln eines großen Krematoriums demnach
240. Wenn Prüfer 800 angab, ging er wohl davon aus, daß sich eine Muffel unter
den KZ-Bedingungen mit mindestens zwei Leichen gleichzeitig beschicken ließ,
und er hatte die Kapazität von mindestens 720 bzw. 384 Körpern noch nach oben
abgerundet. Tatsächlich wurden bis zu drei der zumeist extrem ausgezehrten Opfer,
gegebenenfalls mit einer technologisch möglichen Verzögerung von jeweils 30 Minuten,
in einer Muffel untergebracht.14 Somit ließen sich in 1 und 11 binnen 24
Stunden jeweils 720 Leichen einäschern, zusammen 1440, und in III/IV je 384
(Prüfer: 400), zusammen 768. Exakt diese Zahlen waren in dem Schreiben des SSBauleiters
Bischoff in seinem Schreiben vom 28. Juni 1943 für jeweils ein
Krematorium angegeben und damit insgesamt verdoppelt. Nach Prüfers Bericht
aber ließen sich in allen vier Krematorien insgesamt täglich 2400 Körper
einäschern, nach vorstehender Rechnung 2208.
Die Krematorien waren freilich nicht permanent in Betrieb, sondern fielen häufig
aus. Das am 15. März 1943 in Gang gesetzte Krematorium I war nach neun Tagen
schon beschädigt, die Reparatur stand erst am 18. Juli vor der Vollendung".15 Am
3. April 1944 wurde die Reparatur von 20 Ofentüren der beiden großen
Krematorien bestellt und erst am 17. Oktober erledigt.16 Der Schornstein des seit
22. März funktionierenden Krematoriums III zeigte bereits am 3. April Risse und
war schon Mitte Mai unbrauchbar.17 Lagerkommandant Rudolf Höß berichtete
nach dem Krieg: III fiel nach kurzer Zeit gänzlich aus und wurde später überhaupt
nicht mehr benutzt. IV [am 4. April 1943 in Betrieb genommen, F.M.] mußte
wiederholt stillgelegt werden, da nach kurzer Verbrennungsdauer von vier bis sechs
Wochen die Öfen oder der Schornstein ausgebrannt waren"; daraus ergibt sich für 1
eine Betriebszeit von 509 Tagen, 462 Tage für II, nur 50 Tage für 111 und 309
Tage für IV,18 mithin 971 Tage in 15 Muffeln und 359 Tage in 8 Muffeln.19
Eine zweite überraschende Information liefert van Pelt nun mit der
Veröffentlichung einer Aussage von Höß im Kreuzverhör vor dem Krakauer
Gericht 1947: Nach acht oder zehn Stunden Betrieb waren die Krematorien für
eine weitere Benutzung un-brauchbar. Es war unmöglich, sie fortlaufend in Betrieb zu halten.20
Mit dem Mittelwert dieser Angabe, d.h. neun Stunden täglicher Betriebszeit, ergeben sich
je Muffel bei drei Körpern täglich 18 Verbrennungen, in 1/II mithin je 270,
zusammen 540; in III/IV je 144, zusammen 288, je Tag demnach insgesamt 828.
Die Schlußfolgerung ist einfach: An den 971 Betriebstagen ließen sich hiernach
in UII insgesamt 262 170 Körper verbrennen, in 11I/IV an 359 Tagen 51 696,
zusammen 313 866 Tote, die in den Krematorien von Birkenau verbrannt worden
sind. Das sind noch nicht alle der in Auschwitz ums Leben Gekommenen.
Laut Höß wurden 107 000 Leichen aus den Massengräbern bis Ende November 1942
auf Scheiterhaufen verbrannt.21 Pressac bestreitet diese Zahl, er zählt 50 00022
Da bislang ungeklärt, nicht einmal als Problem erkannt ist, wo die Opfer des
besonders exzessiven Gasmords im Winter 1942/43 bis zur Inbetriebnahme der
Krematorien verblieben sind, kann mit Fug angenommen werden, auch 57 000
der 100 000 vom Dezember 1942 bis März 1943 in Auschwitz angekommenen
Opfer ohne Registrierung seien unter freiem Himmel verbrannt worden und Höß
habe sie in seine Angabe einbezogen.
Ohne die (auf Scheiterhaufen verbrannten) Opfer der Ungarn-Aktion, aber
zuzüglich der schätzungsweise 12 000 im alten Krematorium des Stammlagers
Eingeäscherten23 wären damit insgesamt rund 433 000 Leichen in Auschwitz
verbrannt worden. Diese Zahl korrespondiert fast genau mit der Summe, die sich
aus den Einlieferungen ins Lager Auschwitz-Birkenau abzüglich der
Überstellungen in andere Lager ergibt - eine gravierende Bestätigung.
Laut Kalendarium von Danuta Czech24 wurden - ohne die von ihr nicht
bezifferten Transporte aus Ungarn25 - 735 000 Menschen an den Tatort verbracht.
15 000 waren sowjetische Kriegsgefangene 26, von den verbleibenden 720 000 wurden
laut Czech 346 000 registriert, also ins Lager aufgenommen, und 374 000 nicht registriert.
Czech schloß auf den Tod dieser Nichtregistrierten in der Gaskammer, wofür allerdings
keine dokumentarischen Belege vorliegen;27 es lebten auch Häftlinge ohne Registriernummer im Lager.28
Da die Gesamtzahl der Registrierten 405 00029 betrug, müssen von den 374 000, die zunächst ohne
Registriernummer eingeliefert wurden, 59 000 nachträglich registriert worden sein, so daß
315 000 ohne Registriernummer verblieben. Von den 720 000 wurden 225 000 in andere
Lager überstellt30 - bei Czech ist nur ein Zehntel davon notiert. 58 000 wurden bei Auflösung
des Lagers evakuiert und 8500 zurückgelassen,31 so daß 428 500 verbleiben, eine Zahl, die
zuzüglich der Kriegsgefangenen mit den aus der zum Teil geschätzten Krematoriumskapazität
errechneten 433 000 Toten übereinstimmt: Sie wurden ermordet .32
Unterstellt, alle 315 000 Nichtregistrierten seien als Unproduktive" im Gas getötet
worden (wobei die Zahl der auf andere Weise Gestorbenen gegen die im Lager
zum Gastod selektierten Registrierten aufgerechnet werden soll), erweist sich, daß
hierfür die beiden zu Gaskammern umfunktionierten Bauernhäuser ausreichten.
Erst für die Transporte aus Ungarn im Frühsommer 1944 mußten andere
Mordeinrichtungen hinzugezogen werden, etwa das stillgelegte Krematorium 111
oder die Gaswagen, die bereits auf sowjetischem Gebiet von den Einsatzgruppen
und im wartheländischen Tötungszentrum Chelmno durch Gauleiter Greiser mit
Himmlers, sicher auch Hitlers Genehmigung eingesetzt worden waren.33
Das Schicksal der aus Ungarn Deportierten 1944 bedarf einer eigenen
Untersuchung. Wenn wir uns allein auf die Angaben von Danuta Czech stützen,
gelangten von Mitte Mai bis Anfang Juli 60 Züge nach Birkenau.34 Jeder Transport
umfaßte 3000 Personen, so daß danach 180 000 eingetroffen wären, von denen laut
Czech 29 210 eine Registriernummer erhielten. 110 000 wurden in andere Lager
überstellt,35 nach Czech wurden wahrscheinlich 40 564 Menschen allein im Monat
Oktober 1944 im Gas getötet.36
Diese Überlegungen führen hier zu dem Ergebnis, daß in Auschwitz eine halbe
Million Menschen ermordet wurden, davon etwa 356 000 im Gas .37
Die Diskussion um die Zahlen der Opfer von Auschwitz hat in den vergangenen
Jahren weite Kreise gezogen und bislang zu keinem Resultat geführt. So erklärte
der Forschungskurator des APMO, Wâclaw Dlugoborski, im September 1998 in
der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu der Opferzahl:
Kurz nach Kriegsende wurde sie von einer sowjetischen Untersuchungskommission
ohne weitere Nachforschungen auf vier Millionen
festgelegt. Obwohl von Anfang an Zweifel an der Richtigkeit der
Schätzung bestanden, wurde sie zum Dogma. Bis 1989 galt in Osteuropa
ein Verbot, die Zahl von vier Millionen Getöteten anzuzweifeln; in der
Gedenkstätte von Auschwitz drohte man Angestellten, die an der
Richtigkeit der Schätzung zweifelten, mit Disziplinarverfahren?38
In Nürnberg hatte der sowjetische Ankläger Smirnov am 19. Februar 1946 die
VierMillionen-Zahl vorgetragen.39 Kurz darauf, am 11. März 1946, wurde der
1924 vom Staatsgerichtshof wegen Mordes vorbestrafte Höß verhaftet. Er folgte
danach dem Vorhalt, für rund zwei Millionen Tote verantwortlich zu sein.40
Nach drei Tagen Schlafentzug,41 gefoltert, nach jeder Antwort verprügelt, nackt
und zwangsweise alkoholisiert,42 war die erste Vernehmung unter schlagenden
Beweisen zustande gekommen, so berichtete auch Höß selbst: Was in dem
Protokoll drin steht, weiß ich nicht, obwohl ich es unterschrieben habe. Doch
Alkohol und Peitsche waren auch für mich zuviel."43 Er zeichnete um 2.30 Uhr
nachts mit angestrengter Unterschrift diese Sätze:
In Auschwitz selbst sind meiner Schätzung nach cca [sic] 3 000 000 Menschen
ums Leben gekommen. Schätzungsweise nehme ich an das [sic] davon
2 500 000 vergast worden sind.44
Wenn die Ergebnisse dieser Studie zutreffen, hätte seine Auskunft
wahrheitsgerecht lauten müssen: In Auschwitz sind weit über 300 000 Menschen
vergast worden und insgesamt 500 000 ums Leben gekommen. Mit zwei
zusätzlichen Nullen und einer 2 näherte sich seine umgekehrte Aussage im
Protokoll den sowjetischen Zahlen.
Im Verhör am 1./2.April 1946 nannte Höß zunächst 1,1 Millionen Getötete, dann
wieder 2,5 Millionen45 Von der Auslieferung nach Polen und Hinrichtung
bedroht,46 blieb Höß vor dem Nürnberger Militärtribunal dabei: drei Millionen
Opfer, davon 2,5 Millionen Vergaste und Verbrannte ",47 korrigierte das aber
gegenüber dem amerikanischen Gefängnis-Psychologen48 und hernach in seiner
Krakauer Niederschrift (Hätte die Staatsanwaltschaft nicht eingegriffen, so hätte
man mich fertig gemacht49) als viel zu hoch" auf 1,13 Millionen zur
Vernichtung" Eingelieferte zuzüglich der kleineren Aktionen",50 damit näher dem
Resultat dieser Studie von fast 900 000, doch noch immer im Detail - exakt seinem
ersten Protokoll entsprechend - weit überhöht: Für Frankreich nannte er etwa 110
000 Opfer - insgesamt wurden 75 721 eingeliefert. Aus den Niederlanden kamen
laut Höß 95 000, es waren aber 60 026,51 für die Slowakei zählte er etwa 90 000,
obwohl lediglich 26 661 slowakische Juden nach Auschwitz verbracht worden
waren.52 für Griechenland 65 000 bei 53 789 tatsächlich Deportierten 53. Für
Belgien nennt Höß 20 00054, angeblich 400 000 aus Ungarn, 250 000 aus Polen
(300 000 laut Piper55) und 100 000 aus Deutschland - ohne das von Höß oder
seinem polnischen Vernehmer Jan Sehn Polen zugeschlagene Oberschlesien, aber
mit Theresienstadt (zusammen 69 000 laut Piper).
Die Unzuverlässigkeit Hößscher Millionenzahlen ist so gravierend, daß Martin
Broszat sie bei Herausgabe der Höß-Papiere an anderer Stelle einfach fortgelassen
hat?56 Die fehlenden Passagen lauten: Als nächstes Land war Rumänien
vorgesehen. Von da erwartete Eichmann nach Angabe seines Beauftragten in
Bukarest ca. 4 Millionen Juden [. . .]."57 Mehr als eine Null zuviel: Nur 342 000
Juden lebten 1940 in Rumänien laut Enzyklopädie des Holocaust"58 und Protokoll
der Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942. Höß weiter: Gleichzeitig oder
zwischenzeitlich sollte Bulgarien mit schätzungsweise 2 1/2 Millionen Juden
folgen." Diese Zahl ist um das 50fache überhöht: Es gab nur 63 403 Juden in
Bulgarien 1943,59 gemäß Wannseeprotokoll waren es 48 000.
Gerald Reitlinger schätzte schon 1953 die Zahl der Menschenopfer in Auschwitz auf
insgesamt eine Million, davon bis zu 750 000 im Gas Ermordete, von denen 550 000 -
600 000 gleich bei Ankunft umgebracht worden seien 60. Laut Piper starben im Lager 1
110 000 Menschen, davon 202 000 Registrierte und 880 000 Nichtregistrierte, unter
ihnen 95 000 registrierte und 865 000 nichtregistrierte Juden61 Allerdings ist Pipers Zahl
der aus Polen Eingelieferten mit 300 000 wahrscheinlich weit überhöht. Auch die Zahl
der Überlebenden aus Ungarn bleibt bei ihm unklar.
Den letzten Forschungsstand nennt 1994 Pressac mit 631 000 bis 711 000 Toten insgesamt,
davon 470 000 bis 550 000 nichtregistrierte, im Gas ermordete Juden.62 Davon
entfernt sich nicht allzuweit das Resultat dieser Studie mit mutmaßlich 510 000 Toten,
davon wahrscheinlich 356 000 im Gas Ermordeten.63 Dieses Ergebnis relativiert nicht
die Barbarei, sondern verifiziert sie - eine erhärtete Warnung vor neuem
Zivilisationsbruch.
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1 Robert-Jan van Pelt/Debôrah Dwork: Auschwitz - Von 1270 bis heute. Zürich 1998.
Robert Jan van Pelt: The Case for Auschwitz - Evidence from the Irving Trial. Bloomington/Indianapolis 2002.
2 Robert Jan van Pelt: The Case for Auschwitz - Evidence from the Irving Trial. Bloomington/Indianapolis 2002.
3 Die Entlüftungsöffnungen lagen in Bodenhöhe, während das Zyklon-Gas nach oben steigt,wo sich
die Belüftungsschächte befanden; Jean-Claude Pressac in: Beate Klarsfeld Foundation (Hrsg.):
Auschwitz - Technique and operation of the gas chambers. New York 1989, S. 288f.
4 Eingelieferte ohne Registrierung im Juni 1943: 5901 Nichtregistrierte; Juli - 440; August - 37 627;
September - 7269; Oktober - 6968; November - 8411; Dezember - 2885; Januar 1944 - 4216;
Februar - 5227; März - 2551; April - 5330; insgesamt 80 924 in 334 Tagen, d.h. im Durchschnitt
242 Personen pro Tag; Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager
Auschwitz-Birkenau 1939-1945. Reinbek 1989, S. 51Off.
5 Corriere della Sera, 20.11.2001. - Le Monde, 20.11.2001. - dpa, 19.11.2001; NSApologeten
(Revisionisten") bezweifeln, daß es dieses Gebäude überhaupt gegeben habe: Jürgen Graf:
Auschwitz. Würenlos 1994, S. 236.
6 Franciszek Piper in: Waclaw Dlugoborski/Franciszek Piper (Hrsg.): Auschwitz 1940-1945. Oswiecim
1999, Bd. 111, S. 159ff. - Van Pelt, The Case [Fn. 2], S. 383, schätzt Raum für lediglich 250 Personen.
Nach Danuta Czech [Fn. 4] wurden eingeliefert im Mai 1942: 6700 Nichtregistrierte; Juni - 4567; Juli
- 2652; August - 30 840; September - 17 911; Oktober - 14 706; November - 20 687; insgesamt 98 083
Personen, im Durchschnitt 458 Personen je Tag. In diesem Zeitraum war nur Bunker I mit einem
Fassungsvermögen von über 400 Personen in Betrieb.
7 Der Zeuge Dragon nannte Raum für 2500, vgl. van Pelt, The Case [Fn. 2], S.187, van Pelt selbst, ebd.
S. 383, nur für 320 Personen. Beide Gebäude fanden Erwähnung im Bauantrag der Lagerleitung an das
WVHA in Berlin; US Holocaust Memorial Museum New York(USHMM), RG 11.001 M.03 Reel 42,
502-1-238-10: Ausbau eines vorhandenen Hauses für Sondermaßnahmen (Zeichnung nicht
vorhanden)". Kosten: je 14 242,- Reichsmark.
8 CIA Special Collections, Reference Coll., Box 3: Bericht von BB-175 über Aumeiers Vernehmung
im Gefängnis Akershus, Norwegen, vom 29.10.1945.
9 Schreiben des WVHA vom 27.4.1943 an die Kommandanten der Konzentrationslager, Internationaler
Militärgerichtshof (IMT): Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher, Nürnberg 1947,
Bd. XXIX, S.173f.: Der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei hat auf Vorlage
entschieden, daß in Zukunft nur noch geisteskranke Häftlinge durch die hierfür bestimmten
Arztekommissionen für die Aktion 14 f 13 ausgemustert werden dürfen. Alle übrigen
arbeitsunfähigen Häftlinge (Tuberkulosekranke, bettlägerige Krüppel usw.) sind grundsätzlich von
dieser Aktion auszunehmen. Bettlägerige Häftlinge sollen zu einer entsprechenden Arbeit, die sie
auch im Bett verrichten können, herangezogen werden. Der Befehl des Reichsführers-SS ist in
Zukunft genauestens zu beachten. Die Anforderungen von Kraftstoff (vermutlich für die
Gasmotoren, F.M.) für diesen Zweck entfallen daher." Nach Danuta Czech [Fn. 41 wurden
eingeliefert im Dezember 1942 - 14405 Nichtregistrierte; Januar 1943 - 43 472; Februar - 17 703;
März - 24 159; April - 20 444; Mai - 12 454; zusammen 132 637, im Durchschnitt waren das 729
Personen je Tag. In diesem Zeitraum waren beide Bunker mit einem Fassungsvermögen von
zusammen über 900 Personen in Betrieb. Ab Juni 1943 bis April 1944 nur noch durchschnittlich
242 Personen je Tag, siehe Fn. 4.
10 ' USHMM [Fn. 7], RG 11.OOIM.03-41.
11 Jean-Claude Pressac: Die Krematorien von Auschwitz. München 1994, S. 103.
12 Van Pelt, The Case [Fn. 2], S. 350.
13 Auschwitz-Flüchtling Alfred Wetzler in WRB-Report v. 25.11.1944, Franklin Delano Roosevelt
Library New York, S. 12. Eine Fassung ist abgedruckt in: Sandor Szenes/Frank Baron: Von
Ungarn nach Auschwitz. Münster 1994, S. 126. - Tauber in: Pressac, Technique [Fn. 31, S. 483. -
Vgl. die Aussagen der Ingenieure Prüfer, Schultze und Sander von der Fa. Topf und Söhne am 5.
und 7.3.1946 vor Hauptmann Schatunovski und Major Morudshenko von der Smersch-Abteilung
der B. Armee auf die Frage nach der stündlichen Kapazität (Zentralarchiv KGB der UdSSR, Akte
17/9,19).
14 Van Pelt, The Case [Fn. 2], S. 345; Aussage Henryk Tauber in Pressac, Technique [Fn. 3], S.489.
15 Archiv des Staatsmuseums Auschwitz (APMO) BW 30/7/34 S.54, BW 30/34 S.1.
16 APMO Dpr.-Hd/1la, S. 96.
17 APMO BW 30/34 S.41f.
18 Martin Broszat (Hrsg.): Kommandant in Auschwitz. München 1978, S. 165. - Vgl. Pery Broad in: KL
Auschwitz in den Augen der SS. Katowice 1981, S. 152.
19 Carlo Mattogno/Franco Deana: Die Krematoriumsöfen von Auschwitz, in dem ansonsten
unzumutbaren Pamphlet von Ernst Gauss (Hrsg.): Grundlagen zur Zeitgeschichte. Tübingen 1994, S.
310. - Da die Geschichtsforschung aus einsehbaren, aber unzulässigen Gründen das Thema Auschwitz
als Forschungsobjekt nicht akzeptiert hat, drängte sich die Propaganda auf das unbestellte Feld; jene
sowjetischer Observanz beherrscht noch immer weithin die öffentliche Meinung, zum Beispiel mit der
Totenzahl von vier Millionen, dem Mord an über 400 000 aus Ungarn Deportierten oder auch dem
massenhaften Gasmord in den Krematoriumskellern. Von der anderen Seite haben Revisionisten"
sehr emsig Details gesammelt, wobei ihnen die in dieser Studie vorgetragenen Gesichtspunkte aber
entgangen sind. Ihre Fundsachen vermochten den respektablen Geschichtsphilosophen Ernst Nolte und
auch David Irving zu verwirren, wurden sonst aber von Historikern als Denkanstoß, gar Herausforderung
ignoriert. Dabei hat der Jurist Ernst Stäglich (Der Auschwitz-Mythos"), ein wohl kaum
verhüllter Antisemit, immerhin als erster berechtigte Zweifel an manchen Passagen der in der Haft
verfaßten Niederschriften von Höß geweckt. Nicht nur die Geschichte, sondern auch ihre
Wahrheitsfindung muß sich gelegentlich unwürdiger Werkzeuge bedienen. Sehr spät sind zwei
gründliche, noch immer nicht ganz befriedigende Auseinandersetzungen mit den Revisionisten"
erschienen: John C. Zimmerman: Holocaust Denial. Lanham 2000, und Richard J. Evans: Der
Geschichtsfälscher. Frankfurt a.M. 2001.
20 Van Pelt, The Case [Fn. 2], S. 262, nach: APMO, HM-Prozess, Bd. 26b, S.168: After eight to
ten hours of operation the crematoria were unfit for further use. It was impossible to operate
them continously."
21 Broszat, Kommandant [Fn. 17], S. 161.
22 Pressac, Krematorien [Fn. 111, S. 73. Pressac, Krematorien [Fn. 111, S. 73.
23 Ebd., S. 195.
24 Vgl. Fn. 4; mit dem Vorbehalt zutreffender Addition durch den Autor und der Annahme, es
handele sich bei Czech vornehmlich um Annäherungswerte, welche jedenfalls die Dimensionen
des Völkermords erkennen lassen. Insbesondere Czechs Schätzungen der nicht bezifferten
Transporte aus Polen könnten nach Pressac (Krematorien [Fn. 11], S. 197) reduziert werden auf
jeweils 1000 bzw. 1500 Personen, was eine Gesamtdifferenz von 33 000 ausmacht. Höß hatte
sogar behauptet, die (von Czech besonders hoch veranschlagten) Transporte aus
Ostoberschlesien seien nie stärker als 1000 Menschen" gewesen (Broszat, Kommandant [Fn.
17], S. 160). Dafür gibt es einen Beleg: Am 6.12.1942 traf in Auschwitz ein Transport aus dem
Ghetto in Mlawa ein, der laut Czech (Kalendarium [Fn. 4], S. 352) etwa 2500 Personen
umfaßte, von denen 406 als Häftlinge in das Lager eingewiesen und die übrigen etwa 2094
Menschen" in den Gaskammern getötet worden seien. Für die Gesamtstärke des Transports
nennt Czech keine Quelle. Von einem Teilnehmer existiert jedoch ein auf dem Lagergelände
vergrabener, nach der Befreiung aufgefundener Bericht, in dem die Transportstärke mit 975
Personen angegeben wird, von denen 450 für arbeitsfähig erklärt worden seien (Inmitten des
grauenvollen Verbrechens. Oswiecim 1996, S. 123). Unter dem 11.4.1944 notiert Czech
(Kalendarium [Fn. 4], S.754) 2500 Juden aus Griechenland, und 1500 werden genannt in:
Staatliches Museum Oswiecim (Hrsg.): Deportation und Vernichtung der griechischen Juden
im KL Auschwitz, in: Hefte von Auschwitz, Oswiecim, 11/1970, S. 24; wahrscheinlich waren
es 4700; Hagen Fleischer: Griechenland, in: Wolfgang Benz (Hrsg.): Dimension des
Völkermords. München 1991, S. 264. Andererseits meldet Czech (Kalendaium [ Fn. 4], S. 496)
für den 16.5.1943 rund 4500 aus Griechenland Eingelieferte, während es nach Fleischer (S.
269) 1800 waren; ferner spricht Czech für den 16.8.1944 von ungefaähr 2500 von der Insel
Rhodos, bei Fleischer (S. 215) sind es 1820 Opfer.
25 Zur Zeit der Ankunft von ihr nicht bezifferter Transporte aus Ungarn wurden laut Czech, Kalendarium
[Fn. 4] noch eingeliefert: im Mai 1944 - 4707 Nichtregistrierte; Juni - 3543; Juli - 5488; August - 15
691; September - 9346; Oktober - 19 781; insgesamt 58 556, im Durchschnitt 318 Personen je Tag.
Am 2.1 1.1944 wurden die Gasmorde eingestellt.
26 Franciszek Piper: Die Zahl der Opfer von Auschwitz. Ogwiecim 1993, S. 200.
27 Zu der regelmäßigen Anmerkung bei Czech: Die übrigen gingen in die Gaskammer", äußerte sich
der Direktor des Museums Auschwitz, Mag. Jerzy Wroblewski, am 17.11.1999 in einem Brief an den
Autor: Diese Formulierung Czechs betrifft diejenigen, die nicht registriert wurden. Es ist jedoch
keine Lager-Dokumentation übriggeblieben, die die Opfer, die direkt nach der Selektion zur
Vernichtung geschickt wurden, betrifft."
28 Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz, München 1995, S. 86. Am 18. April 1943 berichtete ein
polnischer Kurier, er habe einige Wochen bis Ende September 1942 in Auschwitz gelebt, wo sich
nichtregistrierte und 95 000 registrierte Gefangene befunden hätten; Richard Breitman: Staatsgeheimnisse.
München 1999, S. 160. - Am 5. August 1942 wurden die 17 000 weiblichen Häftlinge, die bis dahin im
Stammlager untergebracht waren, in das neue Frauenlager in Birkenau überstellt, darunter 4300 aus
Frankreich, 2100 aus den Niederlanden und 640 aus Belgien; Irena Strzelecka/Piotr Setkiewicz: Bau,
Ausbau und Entwicklung des KL Auschwitz, in: Waclaw Dlugoborski/Franciczek Piper: Auschwitz 1940-
1945. Ogwiecim 1999, Bd. 1, S. 92. Aus Frankreich waren laut Kalendarium seit dem 24.6.1942 bis zum
5.8.1942 insgesamt 4558 Frauen nach Auschwitz verbracht worden, von ihnen wurden (am 23.,29.7. und
5.8.1942) laut Czech mindestens 656 in den Gaskammern getötet", was bedeuten würde, daß sich im
Lager höchstens 3904 noch hätten befinden können. Da sich dort aber 4300 aufhielten, waren mindestens
396 von den vermeintlich Ermordeten noch im Stammlager am Leben. Ähnliches gilt für die Transporte
aus Belgien und den Niederlanden.
29 Langbein, Menschen [Fn. 28], S. 82. - Czech, Kalendarium [Fn. 4], S. 16, beziffert 404 222, Nbg.Dok.
NOKW - 2824, Piper, Die Zahl [Fn. 26], S. 102, nennt 400 207.
30 Stanislawa Iwacko: APMO. Bestand Ausarbeitungen, Bd. 100. - L. Krysta, ebd.: 182 000. - Yisrael
Gutman/Michael Berenbaum: Anatomy of the Auschwitz Death Camp. Bloomington/Indianapolis 1994, S.
76, Anm. 75.
31 Andrzej Strzelecki: Endphase des KL Auschwitz. Ogwiecim 1995, S. 242, 246.
32 Von ihnen waren laut Pressac, Krematorien [Fn. 11 ], S. 195, 202, der für 1944 auf Schätzung angewiesen
ist, nur 126 000 Registrierte, laut Mattogno/Deana, Die Krematoriumsöfen [Fn. 18], S. 307, aber 160 000-
170 000, nach Piper, Die Zahl [Fn. 26], S. 164, 202 000 und laut Langbein, Menschen [Fn. 28], S. 82, 261
000 (übrigens fast genau die Zahl der in den Krematorien I und Il Verbrannten). Pressacs Zahl würde
annähernd zutreffen, wenn alle Überstellten und Evakuierten registriert waren. Dann sind, wofür vieles
spricht, sämtliche 315 000 Nichtregistrierten getötet worden - bei Ankunft, im Lager, im Gas oder durch
Hunger, Krankheit, Folter. Mattognos Zahl könnte nur annähernd stimmen, wenn es sich bei den
Überstellten lediglich um Registrierte handelte, was bedeutete, daß - entsprechend der Zahl der
Evakuierten und Zurückgelassenen - 66 500 der Nichtregistrierten überlebt hätten. Pipers Zahl würde
ausdrücken, daß ein Teil der Nichtregistrierten in andere Lager verbracht wurde. Nach Langbeins Zahl
wären lediglich 144 000 Registrierte überstellt bzw. evakuiert worden, während 137 500
Nichtregistrierte deren Schicksal teilten und nur 177 500 ums Leben kamen (ohne die Opfer aus
Ungarn).
33 Filip Friedman: To jest Oswiecim! Warschau 1945, S. 70. - Ders.: Tadeusz Holuj: Oswiecim, mit einem
Vorwort von Dr. Waclaw Barcikowski. Warschau 1945, S. 81. - F. Friedman: This was Oswiecim.
London 1946, S. 47f, 2. Aufl., S. 54: Für kleinere Gruppen sei ein Gaswagen verwendet worden, und
zwar in einer Sandgrube durch ein Sonderkommando Ruryck (Fassung 1946: Ryryck) mit einem zuvor
in Rußland benutzten Saurer-Lkw, Kennzeichen Pol 71-462, 4 m lang, 2,5 m breit, Chauffeur:
Oberwachtmeister Arndt. Friedman stützte sich auf den Bericht einer Widerstandsgruppe in Auschwitz,
die am 21.9.1943 nach Krakau meldete, daß ein Gasauto, Marke Saur, mit einem Motorpflug stationiert
wurde, um auf Befehl des Polizeistandgerichtes Exekutionen mit Motorabgasen durchzuführen". Der
Auschwitz-Häftling Mordechai Zirulnizki berichtete, 1944 seien die Erschießungen an der Schwarzen
Wand", also im Stammlager, ersetzt worden durch die Duschegubka" (Seelenverkäufer), wie die Russen
die Gaswagen nannten; Wassili Grossmann/Ilja Ehrenburg/Àrno Lustiger: Das Schwarzbuch. Der
Genozid an den sowjetischen Juden. Reinbek 1995, S. 935.
34 Pressac, Menschen [Fn. 11], S. 198f., S. 201, liest bei Czech nur 53 ungarische Transporte vom 2. Mai bis
11. Juli 1944 = 160 000 Menschen und schließt recht willkürlich auf insgesamt 240 000 Ankömmlinge.
Nach einer zweifelhaften Unterlage 141 Züge in: Christian Gerlach/Götz Aly: Das letzte Kapitel.
München 2002, S. 275, 286.
35 Gerlach/Aly, Das letzte Kapitel [Fn. 34], S. 296, mit der ersten gründlichen Darstellung des
Arbeitseinsatzes, ebd., S. 379ff. - Strzelecki, Endphase [Fn. 31], S. 352, Anm.**, zählt bis zu 100 000.
Die Differenz zu den - wohl übertriebenen - Meldungen der ungarischen Polizei (Nbg. Dok. NG-5615),
die hier nicht näher behandelt werden kann, läßt sich vielleicht mit dem vorzeitigen Abbruch der Aktion,
mit Flucht und Deportationen in andere deutsche Lager erklären.
36 Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg berichtete seinem Vetter Heinrich Graf York von
Wartenburg von einem Befehl des RSHA-Chefs Ernst Kaltenbrunner, der 1944 für 40 000 oder 42 000
ungarische Juden Sonderbehandlung` in Auschwitz anordne" (Eberhard Zeller: Geist der Freiheit.
München 1963, S. 506, Anm. 9). Dies war für Stauffenberg ein Grund, die Vorbereitungen für das
Attentat auf Hitler zu beschleunigen.
37 Die sowjetische Untersuchungskommission behauptete 1945 4 Mill. Opfer; IMT Bd. Vll, S. 647, Bd.
XXXIX, S. 261. Die Zahl beruhte auf Schätzung der Gaskammer-Kapazität und geht zurück auf eine
Erklärung der Häftlingsärzte Jakov Gordon aus Vilna, Steinberg aus Paris und Epstein aus Prag am
Befreiungstag, dem 27. Januar 1945, gegenüber zwei Sowjetoffizieren und einem Sergeanten: In der Zeit
des Bestehens des Lagers wurden 4,5 bis 5 Millionen Menschen ausgerottet"; Zentralarchiv des
Verteidigungsministeriums (ZAMO, Moskau), Bestand 417,60, Armee, Inventurliste 2675, Aktenstück
340, nach: Lev Besymenski: Was das Sowjetvolk vom Holocaust wußte, in: Leonid Luks (Hrsg.): Der
Spätstalinismus und die jüdische Frage". Köln/Weimar/Berlin 1998, S. 82.
38 FAZ, 14.9.1998.
39 IMT, Bd. XIX, S. 261.
40 He admitted without a trace of remorse", so sein erster Vemehmer Bernard Clarke, Sergeant der 92. Field
Security Section der britischen Gegenspionage, in: Rupert Butler: Legions of Death. London 1983, S. 238,
dort im Anschluß an den vermeintlichen sowjetischen Befund, in Auschwitz seien mindestens 2 Millionen
Juden und ebenso viele Nichtjuden ermordet worden; ebd. S. 234.
41 Van Pelt, The Case [Fn. 2], S. 276; Butler: Clarke thrust his service stick under the man's eyelids."
42 Clarke, nach Butler, Legions of Death [Fn. 40], S. 236f.: ,We had rammed a torch in his mouth"; ,the
blows and screams were endless". Butler, S. 236f.: ,Clarke's hand crashed into the face of his
prisoner."
43 Broszat, Kommandant [Fn. 17], S. 149.
44 Nbg.Dok. NO-1210
45 Zimmerman, Holocaust Denial [Fn. 5], S. 337, Fn. 49.
46 Wie schon seine Ehefrau, Butler [Fn. 401, S. 236: If you don't tell us we'll turn you over to the Russians
and they'll put you before a firing squad. Your son will go to Siberia."
47 IMT Bd.XI, S. 458.
48 Gustave M. Gilbert: Nürnberger Tagebuch. Frankfurt a.M. 1962, S. 450.
49 Broszat, Kommandant [ ]FN 17], S. 151
50 Ebd., S. 167.
51 Eberhard Jäckel/Peter Longerich/Julius H. Schoeps: Enzyklopädie des Holocaust. München 1995, Bd. 11,
S. 1008.
52 Piper, Die Zahl [Fn. 26], S. 196.
53 Fleischer, Griechenland [ Fn. 24], S. 269
54 Piper, Die Zahl [Fn. 26], S. 199: 25.000.
55 Ebd.
56 Broszat, Kommandant [ Fn. 6], S. 172, Fn. 1.
57 KL Auschwitz in den Augen der SS [ ]Fn. 18], S. 132.
58 Jäckel/Longerich/Schoeps, Enzyklopädie [Fn. 51], Bd. III, S. 1254.
59 Ebd. Bd. I, S. 262.
60 Gerald Reitlinger: Die Endlösung. Berlin 1956, S. 125, 522f.
61 Piper, Die Zahl [Fn. 26], S. 202.
62 Pressac, Krematorien [Fn. 11], S. 202.
63 Nach Langbeins Zahlen gem. Fn. 32, zuzüglich der Opfer aus Ungarn: 218 000.
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